Andacht

Das Jahr steht auf der Höhe.
In der Regel nutzen wir in den Kirchgemeinden diese Zeit, um am Johannistag, Ende Juni, wie vom Gipfel eines Berges auf das Jahr zu blicken - zurück und voraus, in Vergangenheit und Zukunft. Kürzlich erst haben wir uns auf den Friedhöfen der Kirchgemeinden aus diesem Grund versammelt. Eine Gelegenheit für Innehalten und Andacht: Worauf kann ich dankbar zurückblicken, was hat mich bewegt und was lässt mich mutig vorausschauen oder woraus schöpfe ich Hoffnung? Es war ja gerade dieser Johannes der Täufer, der ältere Cousin Jesu, der aus der Wüste die Menschen zur Umkehr rief und schon auf den hinwies, der nach ihm kommen würde: Johannes, ein vorläufiger Mensch wie wir, verweist auf den Endgültigen, auf Christus und damit auf Gott.

Um Zukunft, darum ging es ihm - eine Zukunft mit Gott, die besser ist, als jede andere; und jede Zeit genau die Richtige, um neue Hoffnung zu schöpfen. Vor allem in den jüngst vergangenen Wochen und Monaten gibt natürlich immer noch so manches Anlass zur Sorge, aber auch einiges Grund zur Dankbarkeit. Dass wir vieles nachholen konnten und anderes wieder möglich ist, gehört für mich zu diesen Gründen zum Danken. Aber der Blick voraus bedeutet für mich in diesem Jahr zweierlei: einerseits Wehmut beim Gedanken an den Abschied aus Bockendorf und den Striegistälern, verbunden mit der Dankbarkeit für so viel Wunderbares in den vergangenen dreieinhalb Jahren; und andererseits auch Vorfreude und Spannung im Hinblick auf das, was mich nach meinem Wechsel erwarten wird.

Ich weiß wohl, dass ich nicht Johannes der Täufer bin und dennoch wollte und will ich jemand sein, der der Hoffnung aufhilft - einer Hoffnung, die daraus erwächst, dass ich auf einen verweisen darf, der größer - viel größer - und besser - viel besser - ist als ich. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen." sagte Johannes einmal (Joh 3,30). Davon will auch ich mich leiten lassen. In der Hoffnung darauf, dass in den wenigen Jahren unseres gemeinsamen Weges viele gute Samen auf guten Boden gefallen sind und der Glaube wachsen kann. Denn über alle Abschiede und Neuanfänge gibt der Monatsspruch für den September die beste Überschrift: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit." (Sir 1,10) Diese Weisheit verbindet uns mit allen, die Gott liebt - alle anderen und mich selbst. Das wird auch uns miteinander über die Zeit des Abschieds hinweg verbunden halten. Und es wird die Hoffnung wach halten, weil sie von dort kommt: Von Gott und seiner Liebe.

Ihr und Euer Sebastian Schirmer